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Österreichische Berg- und Schiführer
Bergführer / Schiführer

Lawinenrisikoentscheidugskonzept w3

Mit dem Entscheidungskonzept w3:
Ohne Scheuklappen in den winterlichen Bergen unterwegs sein

Mit der Methode w3 sollen die Gefahren im winterlichen Gebirge besser kalkulierbar sein. Die Einzigartigkeit des Ansatzes liegt in einem praxisorientierten, strukturierten Handlungsablauf und im Betonen subjektiver und sozialer Faktoren. Mehr darüber erfahren Sie im folgenden Interview mit Mag. Peter Gebetsberger, der dieses neue Konzept entwickelt hat.

Wie ist die Methode w3 entstanden?

w3 habe ich im Lauf meiner 20-jährigen Bergführertätigkeit entwickelt. Ich habe stets versucht, alle Entwicklungen im Bereich Risikomanagement mitzuverfolgen sowie alles selbst im Gelände auszuprobieren und mit Kollegen zu diskutieren. w3 ist also aus einem sehr intensiven Theorie-Praxis-Verbund entstanden.


Wie erklärst du einem Laien w3?

Alle Faktoren, die im Entscheidungsprozess eine wesentliche Bedeutung haben, müssen in die Entscheidungen während der Skitour mit einfließen. w3 ist eine ganzheitliche Methode der Gefahreneinschätzung, das heißt, es werden sowohl das Gelände und die Verhältnisse als auch im Besonderen die subjektiven und sozialen Faktoren berücksichtigt.

Folgende drei Fragen muss man sich auf einer Skitour ständig stellen:

Was ist gefährlich? Da geht es um die Wetterverhältnisse – Niederschläge, Wind, Temperatur, Sonneneinstrahlung etc. – beziehungsweise um deren Einfluss auf die Schneedecke.

Wo ist es gefährlich? Diese Frage bezieht sich auf das Gelände. Wo bewege ich mich? In welcher Exposition, in welcher Neigung, auf/in welchen Geländeformen?

Wer trifft Entscheidungen?

Diese Frage bezieht sich auf subjektive und soziale Faktoren.

Was versteht man unter subjektiven und sozialen Faktoren?

Subjektive Faktoren betreffen die eigene Person: beispielsweise die eigene Wahrnehmung, persönliche Risikobereitschaft, Ehrgeiz, Wunschdenken usw. Die subjektiven Faktoren beziehen sich darauf, wie es mir persönlich geht beziehungsweise welche Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und Entwicklungen meine Entscheidungen beeinflussen. Mein momentaner Gemütszustand beeinflusst meine Entscheidungen bewusst, unterbewusst und unbewusst. Hast du beispielsweise eine stressige Arbeitswoche hinter dir, werden deine Entscheidungen auf einer Skitour sicherlich anders aussehen, als wenn du bereits drei, vier Tage in den Bergen bei schönem Wetter und Schnee verbracht hast. Wenn ich diese Umstände nicht in meine Einschätzung mit einbeziehe, kann es sehr leicht sein, dass ich Alarmzeichen in der Natur nicht mehr erkenne und Fehlentscheidungen treffe.

Bei den sozialen Faktoren geht es um Erwartungen, Konkurrenzverhalten, Imponiergehabe etc. der verschiedenen Gruppenmitglieder. In jeder Gruppe gibt es eine gewisse Dynamik.

Gruppenentscheidungen fallen beispielsweise sehr oft riskanter aus als die Entscheidungen einer Einzelperson. In der Gruppe kann es auch schon einmal darum gehen, sich gegenseitig etwas beweisen zu müssen. Risiko hat auch einen sozialen Wert: Wer ein höheres Risiko eingeht, ist auch gleich ein „wilder Hund“. All diese Prozesse innerhalb einer Gruppe wirken auf das Entscheidungsverhalten jedes Skitourengehers.

Was ist das Neue an w3?

Die Berücksichtigung der sichtbaren Faktoren wie Gelände, Verhältnisse, Gruppengröße usw. und den eben beschriebenen subjektiven und sozialen Faktoren. Die Kernaussage von w3 ist, dass bei wichtigen Entscheidungen gerade die subjektiven und sozialen Faktoren meist das Zünglein an der Waage sind.

Wo steht in diesem Konzept die klassische Lawinenkunde?

Die klassische Lawinenkunde ist ein Teil des Ganzen. Gewisse Grundsätze der klassischen Schnee- und Lawinenkunde sind eine Voraussetzung, um w3 anwenden zu können. Man kann ja auch nicht Auto fahren, ohne zu wissen, wie man startet. Oder ins tiefe Wasser gehen, ohne die Technik des Schwimmens zu beherrschen. Ich kann keine Entscheidung in einer risikoreichen Situation im Winter treffen, ohne gewisse Grundlagen zu kennen. Beim Skitourengehen glauben viele, ich gehe ins Sportgeschäft, kaufe mir Ski, gehe rauf, fahre runter, und die Sache hat sich.

Wie bereite ich mich auf eine Skitour risikobewusst vor?

Selbstverständlich muss eine jede Skitour sorgfältig geplant und vorbereitet werden. Du musst die Gegebenheiten des Geländes kennen, dich über den Wetterverlauf informieren und den Lawinenlagebericht genau studieren. Zusätzliche Fragen sind: In welcher Gemütslage befinde ich mich zurzeit? Bin ich gestresst und verkrampft oder ausgeglichen und ruhig? Wer geht mit? Welchen Ausbildungs- und Konditionszustand haben die anderen Bergsteiger? Handelt es sich um eher gemächliche oder „wilde“ Skitourengeher? Und vor allem: Können sich daraus Probleme ergeben?

Welches Verhalten löst am häufigsten Lawinenunfälle aus?

Es ist immer eine Kombination aus Verhältnissen, Gelände und Mensch. Bei den meisten Unfällen sind subjektive und soziale Faktoren mit ausschlaggebend. Neben risikoreichen äußeren Verhältnissen sind diese „unscheinbaren“ Faktoren bei sehr vielen Unfällen relevant.

Wenn du beispielsweise bei geringer Schneelage eine Skitour machst und zu einer „eingewehten“ Rinne kommst, weißt du, dass sie gefährlich ist. Du willst aber trotzdem auf den Gipfel kommen bzw. eine schöne Abfahrt haben. Dann beginnst du zu argumentieren: Jetzt bin ich schon weit hergefahren, habe mir diese Abfahrt schon so lange vorgenommen, der Wind war gar nicht so stark, usw. Jetzt gehe ich die Rinne auch hinauf, wird schon gut gehen! – Doch immer wieder geht es nicht gut aus, und es gibt tödliche Unfälle.

Was hältst du von Formeln auf Basis statistischer Lawinenkunde im Umgang mit Risiko im winterlichen Gebirge?

Ich denke, dass es ein Problem ist, wenn unter dem Strich eine Zahl herauskommt, die bedeutet: Ja, ich darf gehen! Das kann im Unterbewusstsein einem Freibrief gleichkommen. Nach dem Motto: Ich habe es ausgerechnet, jetzt kann ich auch gehen. Damit verändert sich nämlich meine Wahrnehmung wesentlich. Ich erfasse die Situation nicht mehr im Gesamten, und es bedarf dann einer sehr großen Anzahl negativer Faktoren, dass Entscheidungen überhaupt hinterfragt werden. Die Befürworter der statistischen Lawinenkunde meinen, dass man psychische Faktoren ausschalten muss. Neurobiologie und Neuropsychologie sagen aber ganz klar, dass unsere Gefühle, Wünsche und aktuellen Bedürfnisse immer auf unsere Entscheidungen einwirken. Es ist einfach nicht möglich, diese auf Knopfdruck abzuschalten.

Du erwähnst in deinen Unterlagen die „Expertenfalle“. Was verstehst du darunter?

Bergsteiger mit viel Erfahrung neigen dazu, ihren Entscheidungen sehr stark zu vertrauen. Besteht einmal ein Bild einer Situation oder wurde eine Entscheidung getroffen, hält ein Experte meist sehr vehement an seiner Meinung fest. Das allein ist noch nicht problematisch. Führt dieses Verhalten aber zu einer selektiven Wahrnehmung der Natur, ist eine sehr große Anzahl widersprüchlicher Informationen notwendig, um die Situation neu zu überdenken.

Was sind die wichtigsten Punkte, wenn ich im winterlichen Gebirge unterwegs bin?

Zwei absolut wichtige Punkte sind Bewusstheit und Selbstverantwortung. Ich muss mir, wenn ich hinausgehe, bewusst sein, was ich tue und was meine Entscheidungen beeinflusst. Der zweite Punkt betrifft die Selbstverantwortung. Das Verwenden von Formeln oder irgendwelchen vorgefertigten Strategien ist oft der Versuch, Selbstverantwortung zu übertragen. Mit w3 will ich den Versuch unternehmen, einen Handlungsablauf vorzuschlagen. Jeder Punkt muss selbstverantwortlich und bewusst ab-/durchgearbeitet werden. Das ist die Voraussetzung für das Funktionieren von w3!

Im Gelände muss ich meine gesamte Planung immer und immer wieder reflektieren. Alles, was ich geplant habe, muss laufend hinterfragt werden. Es geht darum, die Natur bewusst aufzunehmen. Scheuklappen, Überheblichkeit und reine Konsumgedanken haben im winterlichen Gebirge nichts verloren. Zuerst muss ich theoretisch lernen, was gefährlich ist, und anschließend das Wissen draußen anwenden.

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Anmerkung:

Mag. Peter Gebetsberger studierte Sportwissenschaften und Sportmanagement an der Uni Wien. Seit 1996 ist der gebürtige Niederösterreicher Leiter des Lehrgangs „Skitouren und Lawinen“ im Rahmen der Österreichischen Bergführerausbildung und seit 2003 bei den Naturfreunden Österreich Leiter der Abteilung „Naturfreunde sports“.

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